In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 habe ich mit meiner Frau und Freunden aus Treptow und Gropiusstadt am Fahnenmast vor dem Reichstag gestanden. Eine unübersehbare Menschenmenge hatte sich angesammelt und die Spannung war unbeschreiblich. Endlich war es soweit 0 Uhr am 3. Oktober 1990, der Tag an dem die Einheit unseres Vaterlandes vollzogen wurde. Ein nicht enden wollender Jubel mischte sich mit dem Feuerwerk, das um den Reichstag abgeschossen wurde.

Ansprachen von Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl wurden gehalten. Auf der Treppe des Reichstages vor dem Westeingang hatte sich die Prominenz Deutschlands und seiner wichtigsten Gäste versammelt. So einen Glückstag erlebt man selten. Aber ich denke schon, dass sich die Deutschen nach den fürchterlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts dieses Glück auch redlich erarbeitet haben. Nach dem tiefen moralischen Absturz der Zeit von 1933 bis 1945, besonders mit den Schrecken des 2. Weltkrieges und den von den Nationalsozialisten zu verantwortenden Vernichtungswellen gegen das eigene Volk, gegen die überfallenen Völker Europas aber ganz besonders die Verbrechen in den Konzentrationslagern, war es seit dem 8. Mai 1945 ein schwerer und langer Weg bis zum 3. Oktober 1990. Der ehemalige Botschafter Israels, Avir Primor, hat in seiner Rede zum Volkstrauertag im Reichstag vor 2 Jahren gesagt, er kennt außer Deutschland kein Volk, das seine Geschichte des letzten Jahrhunderts so intensiv aufgearbeitet hat wie Deutschland und für die begangenen Verbrechen auch noch Gedenkstätten eingerichtet hat.

Nun dürfen wir nicht übermütig werden. Die Probleme der Gegenwart stellen uns vor neue Prüfungen. Das Zusammenwachsen und bessere Funktionieren des Europäischen Einigungsprozesses wird uns noch viel Kraft und Überzeugungsarbeit abverlangen. Die Flüchtlingsströme müssen beherrschbar sein und vor allem die Integration der Kriegsflüchtlinge, die auf Dauer bei uns eine Heimat finden wollen, stellt uns vor Aufgaben, die in ihrer Dimension unsere bisherigen Vorstellungen sprengen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir das schaffen. Es ist natürlich eine Aufgabe, die die ganze Völkergemeinschaft der EU und darüber hinaus auch die angrenzenden Staaten angeht.

Bleibt uns also die Hoffnung, dass unsere Bundesregierung - Gott sei Dank haben wir eine Große Koalition - mit den progressiven Kräften der EU eine Lösung finden wird.

F. Niedergesäß
Ehrenvorsitzender des KV Treptow-Köpenick   

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